Buchvorstellung: Jonathan Franzen – Unschuld (2015)

Unterhaltsam, klug und selbstironisch: „Unschuld“, das neue Buch des großen amerikanischen Autors, hält, was es verspricht.

Schon von der ersten Seite an, ist „Unschuld“ ganz klar ein Heimspiel. Die Geschichte des Romans spielt unter anderem in Kalifornien, in Deutschland und im Mittleren Westen der USA, es geht um Medien und das Internet, Vögel und gestörte Familienverhältnisse und vor allem um Idealismus versus Realismus. Das sind die Themen von Jonathan Franzen, dem Vogel-Liebhaber und Internet-Kritiker, der in der Nähe von Chicago geboren ist, fließend Deutsch spricht und in New York und Kalifornien lebt.

Schon in seinen gefeierten Erfolgsromanen „Die Korrekturen“ (2001, drei Millionen verkaufte Exemplare) und „Freiheit“ (2010, zwei Millionen verkaufte Exemplare) hat er daraus große Geschichten gewebt. Auch sein neuestes Werk „Unschuld“, das in der englischen Originalfassung unter dem Titel „Purity“ erscheint, hat wieder mehr als 800 Seiten. Darunter geht es bei Franzen einfach nicht.

„Unschuld“ handelt von der jungen Purity, die ihren Namen so sehr hasst, dass sie sich Pip nennt. Pip kennt ihren Vater nicht, hat eine klammernde Mutter und Studienschulden. Über Bekannte lernt sie den Deutschen Andreas Wolf kennen, der eine Art Julian Assange ist, aus Bolivien heraus so etwas wie eine WikiLeaks-Organisation leitet und Pip ein Praktikum anbietet. Die Geschichten von diesen und einigen anderen Protagonisten verwirren und entwirren sich in den einzelnen Kapiteln, bevor es zu einem überraschenden Schlusstwist kommt.

Das Ergebnis liest sich flüssig, unterhaltsam und klug, immer wieder mit den beeindruckend schönen Sätzen und Bildern dazwischen, für die Franzen bekannt ist. „Unschuld“ erinnert stark an „Die Korrekturen“ und „Freiheit“ und ist doch ganz anders, aktueller, reifer und mit mehr Selbstironie des Autors, dem von Kritikern und Literaturkollegen in der Vergangenheit häufig überbordende Arroganz vorgeworfen wurde.

„Eine neue Oktave“ habe Franzen mit dem Roman getroffen, jubelte die „New York Times“. „Unschuld“ sei Franzens „bislang leichtfüßigster, am wenigsten gehemmter und intimster Roman und dürfte sogar bei Lesern ankommen, die sein bisheriges Werk, von vier Romanen und zahlreichen Essay-Bänden nicht mochten.

Bei all dem, so merkt das „Time“-Magazin an, müsse berücksichtigt werden, dass die Messlatte für Franzen-Romane inzwischen geradezu übermenschlich hoch sei. „Beide früheren Bücher wurden als Meisterwerke amerikanischer Literatur bezeichnet und von „Unschuld“ dasselbe zu sagen, dürfte wahr sein – verfehlt aber den eigentlichen Punkt. Maßgebende Streiche kann man von Franzen jetzt einfach erwarten und sein neuer Roman ist keine Explosion von Schriftstellertalent wie „Die Korrekturen“ und keine großartige Unterstreichung davon wie „Freiheit“, sondern eine einfache und angenehme Erinnerung an seine kluge Präsenz.“

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