Orpheus in der Indiewelt – Arcade Fire Reflektor 2013

Der Pathos hält selten, was er verspricht. Als Arcade Fire vor zehn Jahren auftauchten mit ihrer anspruchsvollen Musik, benannt nach einer Feuersbrunst in mythischen Arkadien, freuten sich viele, dass es das noch gab: die große Geste und den hohen Ton im Pop.

Die Welt war dann etwas enttäuscht, als sie erfuhr, dass Arcade Fire ihren Bandnamen in Wahrheit einem Brand in einer Spielhalle verdanken, den Win Butler selbst erlebt hat. Butler kam einem als Anführer und Sänger immer wie ein Oberlehrer oder Wanderprediger vor. Das erste Album „Funeral“ beschrieb das Jammertal auf Erden. Es beherrschte das Musikleben der Nullerjahre, und das Geld steckte Win Butler in den Kauf einer von Gott und Gläubigen verlassenen Dorfkirche bei Montreal.

Die Orgel kam bei Arcade Fire auf dem zweiten Album „Neon Bible“ anklagend zum Einsatz, gegen den moralischen Verfall Amerikas. Das dritte Album hieß „The Suburbs„. Es erzählte hymnisch vom Amerika der Vorstädte und brachte Arcade Fire einen Grammy ein. Ihr Status ist seither beneidenswert: Trotz ihrer rasenden Erfolge gelten die Kanadier als Indieband. Eine Art Industrie für sich.

Und auch ihr viertes Album gilt schon jetzt, wenn es endlich erscheint, als Mythos. In den wesentlichen Großstadtgegenden sieht man seit Monaten Graffiti im Guerillastil. Neun Kästchen mit neun Buchstaben, aus denen sich das Wort „Reflektor“ bilden lässt, der Plattentitel. Die sozialen Netzwerke waren bereits mit kleinen Filmen heiß gelaufen, in denen Ben Stiller, Bono und James Franco Andeutungen streuten.

Band Picture

Es gab einen großen Film von Anton Corbijn, der den Titelsong bebilderte: Maskierte Menschen machten sich zu einer Prozession auf, eine Spiegelkugel landete als Ufo auf der Erde, und man hörte David Bowie singen. Über Facebook kam die weltumspannende Gemeinde darin überein, dass Arcade Fire es gelungen sei, mit ihrem Stück „Reflektor“ Platos Höhlengleichnis zu vertonen.

Außenstehende bemerkten aber auch, dass Arcade Fire nie zuvor so locker klangen. Mittlerweile steht ein zweites Video im Internet, gedreht in einem Salsaklub in Montreal zum Song „Here Comes The Night Time“: Statt des dunklen Gehrocks trägt Win Butler einen weißen Anzug und versucht, darin zu tanzen.

Voreilige Kritiker haben „Reflektor“ schon als Discoalbum ausgedeutet. Das wirkt dann doch reichlich über- oder untertrieben, je nachdem. Womöglich wird man dazu eines Tages ausdruckstanzen. Zu „You Already Know“ zum Beispiel, das von einem unverschämten Popbeat angetrieben wird, während die Musikanten munter in die Hände klatschen. Lustige Zitate kommen vor, aus Michael Jacksons „Billie Jean“ und aus Los Bravos‘ „Black Is Black“.

Geschoben wird das alles auf James Murphy, der das Album produziert hat, nach der Auflösung seines LCD Soundsystems. Er soll Win Butler und die Seinen davon überzeugt haben, statt Streichern lieber Synthesizer zu verwenden und sich zu entspannen. Was auch immer er getan hat: Jedes Stück, so lang es auch gerät – es sind nur 13 Songs auf diesem Doppelalbum –, folgt einer vernünftigen Dramaturgie, die Arcade Fire bisher völlig fremd war.

Win Butler selbst führt vieles auf einen Karibikaufenthalt zurück. Régine Chassagne, seine Sängerin, stammt aus Haiti. Sie haben gemeinsam an Kostümparaden teilgenommen und sich Voodoo-Ritualen hingegeben. Butler schwärmt auch von „Orfeu Negro“, dem brasilianischen Film, der Orpheus in die Unterwelt des Karnevals verbannt. „Reflektor“ schmückt Auguste Rodins Skulptur von Orpheus und Eurydike.

Ein Stück heißt „It’s Never Over (Hey Orpheus)“ und ein anderes „Awful Sound (Oh Eurydice)“. Im Überbau sind Arcade Fire ganz die Alten. Eine Stadionband für Menschen, denen Stadien zu vulgär sind. „Die mit einer Träne im Auge mit dem Hintern wackeln“ (Butler). Doch das Pathos muss einen nicht weiter kümmern, die Musik klingt groß genug.

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