Ein Prophet – 2010

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Der Drehbuchautor und Regisseur von Ein Prophet ist auch hierzulande längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Mit Genrefilmen wie Lippenbekenntnisse (2001) oder Der wilde Schlag meines Herzens (2005) hat sich Jacques Audiard inzwischen als einer der wichtigsten französischen Filmemacher etabliert. Mit seinem epischen Gefängnisdrama Ein Prophet, der auf der ursprünglichen Idee von Abdel Raouf Dafri und Nicolas Peufaillit basiert, hat er sich nun endgültig international einen Namen gemacht, was nicht zuletzt und völlig zu Recht durch Auszeichnungen wie die Oscar-Nominierung für den Besten fremdsprachigen Film und den Großen Preis der Jury in Cannes bestätigt wird. Denn mit seinem Film über einen jungen arabischstämmigen Gefängnisinsassen zeichnet Audiard ein authentischer wirkendes Gefängnisbild als die zahlreichen Vorbilder aus Hollywood.

Der Malik El Djebena (Tahar Rahim) ist Analphabet, als er zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wird. Im Gefängnis ist der Franzose maghrebinischer Abstammung als 18-jähriger ganz auf sich allein gestellt. Der Clan-Chef der herrschenden korsischen Knast-Mafia, César Luciani (Niels Arestrup), zwingt Malik dazu einen Auftragsmord an Reyeb (Hichem Yacoubi) durchzuführen. El Djebena lernt schnell und passt sich den rauhen Verhätnissen im Gefängnisleben an, wodurch er das Vertrauen der Korsen gewinnt. Gleichzeitig beginnt er in die eigene Tasche wirtschaften, indem er sich seinen eigenen Drogenring aufbaut.

Ein Prophet ist ein sehr intensives Häftlingsdrama, das den Zuschauer von Beginn an fesselt und fortan 150 Minuten voll in Beschlag nimmt. Allein die Spannung, die sich bis zum Auftragsmord aufbaut ist kaum auszuhalten. El Djebena verzweifeltes Ringen erinnert dabei stark an die psychologische Schilderung von Rodion Raskolnikow aus Fjodor Dostojewskis philosophischen Kriminalroman Schuld und Sühne (1866), wobei der brillant spielende Rahim den inneren Kämpfen (auch) eine äußere Form verleiht. Überhaupt kann man nicht umhin diesen Schauspieler in den blanken Himmel zu loben, weil er es schafft der Figur eine Vielzahl von Facetten zu verleihen, ihrer inneren und äußeren Entwicklung Ausdruck zu geben und damit den Film maßgeblich zu tragen. Für seine Rolle hat neben der obligatorischen Recherche – Bücher über Gefängnisse – sogar eine Nacht in einer Zelle geschlafen.

Natürlich ist es in erster Linie aber auch Audiards Verdienst, als Regisseur und Drehbuchautor, dass das dicht erzählte, epische Drama derart begeistert. Er unterteilt den Film in mehrere Kapitel, die mit Zeitsprüngen verbunden sind und eine Episode enthalten. Diese Erzähltechnik erinnert stark an Quentin Tarantino oder Guy Ritchie, obgleich er sonst nichts mit ihnen gemeinsam hat. Denn mit harten Actionszenen geht Audiard behutsam zu Werke – dann aber mit aller Heftigkeit. Darüber hinaus verwebt Audiard ein surrealistisches Netz aus Traumsequenzen oder anderen überwirklichen Elementen. Der harte Gefängnisfilm bekommt auf diese Weise eine künstlerische Nuance, die in vergleichbaren Hollywoodproduktionen oft vermisst werden.

Mit dem Einsatz von Filmmusik (von Alexandre Desplat) hält sich Audiard angenehm zurück. Wenn es dann doch zu musikalischen Untermalungen kommt ist sie unaufdringlich und stimmungsvoll. Dafür kann die Leistung der (Hand-)Kamera von Stéphane Fontaine nicht hoch genug eingeschätzt werden, der grandiose Einstellungen und realistisch wirkende Perspektiven liefert. Auch die schauspielerischen Leistungen abgesehen vom Hauptdarsteller können allesamt überzeugen. Erwähnenswert ist vor allem die Darstellung von Arestrup, der wie eine hochexplosive Kröte wirkt, wenn er den skrupellosen und mächtigen Mafiaboss zum Besten gibt.

Audiard ist ein authentisch wirkendes Gangster-Epos und Sozialdrama gelungen, das mitunter die Schwächen des Justizsystems offenlegt: Denn erst durch die Haftstrafe wird der kleinkriminelle El Djebena zum ausgefuchsten und mit allen Wassern gewaschenen Gangster. Auch ein Verweis auf die aktuelle französische Innenpolitik von Nicolas Sarkozy kommt ganz nebenbei in die Handlung. Auch wenn der ganz große philosophische Tiefgang ausbleibt, liefert Ein Prophet eine meisterliche Charakter- und Milieustudie. Ganz großes (europäisches) Kino.

Die Handkamerabilder kommen auf der DVD-Disc leicht grobkörnig und blass daher, was aber als künstlerisches Stilmittel bewusst eingesetzt wurde, um das Dargestellte authentischer zu gestalten. Der Sound klingt lebendig, wird akzentuiert eingesetzt und erzeugt eine angenehme räumliche Atmosphäre. Das Bonusmaterial enthält neben dem obligatorischen Audiokommentar außerdem noch entfallene Szenen und kurze Making-Of-Clips.

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