Der Staat gegen Fritz Bauer (2015)

Dieses packende Stück Zeitgeschichte entlarvt die Lebenslügen der Nachkriegsnazi-Zeit und präsentiert dabei ein faszinierendes Porträt des mutigen Juristen Fritz Bauer. Sein Kampf gegen Nazi-Verstrickungen und die verpasste Vergangenheitsbewältigung im „demokratischen“ BRD der muffigen 50 Jahre wird dabei am Beispiel Adolf Eichmanns schonungslos aufgezeigt.

1957 erhält der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903–1968) einen brisanten Hinweis: Der Massenmörder Adolf Eichmann, der für Hitlers SS den Holocaust organisierte, ist in Buenos Aires untergetaucht. Jurist Bauer ist Jude, steht politisch links und versucht Nazi-Verbrecher vor Gericht zu bringen. Bis dahin erfolglos, denn die deutsche Justiz und Behörden zeigen wenig Interesse, die NS-Verbrechen aufzuarbeiten.

BKA, BND und eigene Staatsanwälte lassen Bauer ins Leere laufen. Er erhält anonyme Drohbriefe, ihm wird vorgeworfen, ein „rachsüchtiger Jude“ oder linker Nestbeschmutzer zu sein. Da er deutschen Behörden aus gutem Grund misstraut, seine eigene Staatsanwaltschaft als „Feindesland“ betrachtet, nimmt Fritz Bauer im Fall Eichmann Kontakt zum israelischen Geheimdienst Mossad auf und begeht damit nach damaliger Sicht „Landesverrat“. Alte braune Seilschaften lassen Bauer derweil bespitzeln und versuchen seine Leute zu erpressen. Auch beim Mossad muss Bauer Widerstände überwinden. Burghart Klaußner („Elser“) verkörpert dabei eindrucksvoll den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer.

Grimme-Preisträger Lars Kraume inszenierte mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ein packendes Zeitbild der Adenauer-BRD, das den Publikumspreis beim Filmfestival in Locarno erhielt. Anders als „Im Labyrinth des Schweigens“, die historisch kurz nach „Der Staat gegen Fritz Bauer“ angesiedelt ist, spricht Kraume auch heute noch unangenehme Wahrheiten an, etwa Adenauers Kanzleramtschef Globke: Der bereitete erst für die Nazis den Holocaust juristisch vor, und organisierte dann für die CDU die stramm anti-kommunistische BRD-Verwaltung.Lars Kraume geht in seinem Meisterwerk viel weiter als andere Filme zuvor, aber der Film macht einen wirklich großen Skandal nicht weiter deutlich: Adenauers Westdeutschland wurde von einem Mann mit regiert, der schon in Hitlers Großdeutschland ein führender Kopf war: Hans Maria Globke, „der starke Mann“ hinter dem greisen Langzeit-Kanzler Adenauer, hatte den Massenmord an deutschen und europäischen Juden juristisch und administrativ vorbereitet.

Globke war so etwas wie Eichmanns Vorgesetzter, hatte zumindest die Basis gelegt für die Verbrechen des Schreibtischtäters Eichmann, dessen Verhaftung durch den Mossad 1960 Teil der Filmhandlung ist. Eichmann hatte den Transport der Juden nach Auschwitz organisiert, aber Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt Globke hatte sie dem Nazi-Regime dafür ans Messer geliefert. Anders als die kleine DDR ließ der BRD-Rechtsstaat Millionen Nazi-Verbrechen wie Raub, Folter, Vergewaltigung, Totschlag seelenruhig verjähren, selbst Massenmörder blieben unbehelligt. Nach dem in den 50ern die westdeutsche Justiz sogar noch viele Nazi-Verbrecher begnadigte, die alliierte Gerichte für Jahrzehnte hinter Gitter geschickt hatten, sollten in Fritz Bauers „Großem Auschwitz-Prozess“ letztlich nur 20 Massenmörder verurteilt werden.

Auf Wikipedia kann man noch weitere interessante Fakten zum Eichmann-Prozess finden, die in den westdeutschen Schulbüchern bis heute fehlen: Nazi-Massenmörder Eichmann, als Häftling in Jerusalem von der Presse umlagert, hatte ein Interview gegeben, in dem er auch Hans Globke beim Namen nannte. Die Regierung Adenauer fürchtete den Skandal und ließ ihre Kontakte zur CIA spielen. CIA-Boss Allan Dulles verhinderte, dass Globke in der vom US-Magazin LIFE publizierten Version des Eichmann-Interviews erwähnt wurde.

Weite Teile der (west-) deutschen Kultur und Medien neigen daher bis heute zu einer ideologisch verzerrenden, abwiegelnden Darstellung der Nazi-Verbrechen. So widmete das Bertelsmann-Universal-Lexikon „Auschwitz“ ganze acht Zeilen, das Wort „Aufzug“ bekommt elf, „Adenauer“ glänzt über 33 Zeilen, auf denen freilich Hans Globke fehlt, zu dem sich überhaupt kein Eintrag findet. Der bedeutende, aber dem Regime peinliche Mann wurde wegretuschiert wie einst Trotzki auf Fotos im Stalinismus.

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ sollte zu einem Klassiker nicht nur des Kinos, sondern auch in jeder Geschichtsstunde an deutschen Schulen gezeigt werden. Vermutlich wird er aber nicht die Aufmerksamkeit erlangen, die er bekommen müsste.

One comment

  1. Ich hab mir den Film gestern angesehen und war enttäuscht, dass er nicht noch zwei Stunden länger ging. Ein ganz ausgezeichneter Film mit phantastischen Hauptdarstellern, einer der besten, wenn nicht der beste Film, den ich 2015 im Kino gesehen habe. Aber selbst hier im Murnau Filmtheater in Wiesbaden fanden sich grade mal 30 Zuschauer ein, schade. Wer nicht da war, hat definitiv was verpasst.

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